Vegan und Gesellschaft


Was wäre wenn die ganze Welt vegan wäre?

Wenn alle Nutztiere verschwinden würden, stünden etwa 33 Millionen Quadratkilometer mehr Land zur Bewirtschaftung zur Verfügung. Insgesamt wären das 22 Prozent der gesamten Landfläche der Erde. Doch könnten diese Flächen überhaupt für den Anbau pflanzlicher Nahrungsmittel genutzt werden? Das hängt langfristig davon ab, wie viel Arbeit in Bodenmanagement und Bewässerung gesteckt wird.


Würde die Tierproduktion wegfallen, würden nämlich sowohl die Preise für das Agrarland als auch für Getreide und andere pflanzliche Produkte sinken. 30 Prozent des weltweiten Getreides wird derzeit an Nutztiere verfüttert. Werden diese 30 Prozent frei, sinkt der Preis. Denn wenn Getreide im Vergleich zu den Energiepreisen zu billig wird, kann es auch zum Heizen genutzt werden. Besonders die sehr armen Bewohner großer Städte in den Entwicklungsländern würden von einem niedrigeren Getreidepreis profitieren, da sie ohnehin wenig Fleisch essen und sich Brot, Reis oder Maisfladen dann besser leisten könnten.


In Deutschland stammen fast zwei Drittel aller landwirtschaftlichen Erlöse aus der Produktion von Milch und Fleisch. In entwickelten Ländern hätte Vegetarismus sicher eine Menge positiver Umwelt- und Gesundheitsfolgen, würde die Armut jedoch verschlimmern, denn die Nutztierhaltung trägt in vielen ärmeren Ländern wesentlich mit zum Einkommen bei. Selbst wenn man wollte, könnte man nicht alle Weideflächen in Ackerland verwandeln. Denn Rinder nutzen auch Flächen, die der Mensch gar nicht anders bewirtschaften kann und auch in bestimmten Höhenlagen lässt sich kein Getreide mehr anbauen, denn manche Hanglagen sind zu steil, um sie als Acker zu bewirtschaften.


Würde man mehr pflanzliche Nahrung und deutlich weniger Fleisch konsumieren, könnten die nahrungsspezifischen Emissionen weltweit reduziert werden. Eine vegetarische Ernährung könnte die globalen Emissionen um 63 Prozent verringern und eine vegane Ernährung sogar um 70 Prozent. Die stetig wachsende Bevölkerung und zunehmender Wohlstand sorgen jedoch dafür, dass der Fleischverbrauch weiter steigt. Um den erwarteten Nahrungsbedarf zu decken, müssen weltweit 70 Prozent mehr Lebensmittel (pflanzlich und tierisch) produziert werden als heute. Denn alleine in den den letzten 40 Jahren hat sich die Fleischproduktion verdreifacht.


Ein Umdenken ist notwendig

Sowohl die europäische als auch die deutsche Politik müsste die Fleischproduktion also grundlegend umdenken. Es sind gezielte Maßnahmen notwendig, um den Verbrauch um mindestens die Hälfte zu reduzieren. Schon jetzt verursacht die Tierhaltung nämlich rund 14 Prozent der weltweiten Emissionen. Mehr als als zwei Drittel der 15 bis 29-Jährigen in Deutschland lehnen die Fleischproduktion in ihrer derzeitigen Form ab und sind bereit, mehr für Fleisch zu bezahlen, wenn eine Änderung der Produktionsbedingungen erfolgt. Knapp 26 Prozent von ihnen essen wenig Fleisch und 13 Prozent sind Veganer oder Vegetarier.


Grund für die kritische Haltung sind vor allem die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Der Konsum von Fleisch ist also längst nicht mehr nur eine Geschmacksfrage, sondern vielmehr ein politischer Diskurs. Über 80 Prozent der Bevölkerung sieht Handlungsbedarf beim Staat, für eine bessere Tierhaltung und eine klimafreundliche Ernährungspolitik einzutreten. Allein die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne emitieren 578 Millionen Tonnen klimaschädlichen Gase. Hinzu kommt, dass die industrielle Fleischindustrie Menschen aus ihrem Land vertreibt und Waldrodungen sowie Pestizideinsätze befeuert. Trotz anhaltender und öffentlicher Kritik in den vergangenen Jahren scheint der grundlegende Wandel in der Fleischindustrie noch nicht gekommen. Fleischersatzprodukte scheinen jedoch beliebter zu werden. Auch du trägst also mit deinem Teller einen wichtigen Teil zu Umweltfragen bei!


Pflanzliche Lebensweise und Politik in Deutschland

Tierschutz, Ernährungs- und Agrarpolitik erfahren immer mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Trotzdem sind diese Themen in der Politik nicht immer prominent auf der Tagesordnung. Union und FDP halten eine generelle Richtungsänderung für nicht unebdingt nötig. Sie wollen den Bürger*innen nicht vorschreiben, was sie zu essen haben und auch den Landwirt*innen nicht, was und wie viel sie zu produzieren haben. Das Produktionsniveau soll sich ausschließlich an Angebot und Nachfrage des Marktes orientieren. SPD, Grüne und Linke unterstützen eine Reduktion des Fleischkonsums und der Tierbestände.


Steuern und Abgaben

Das komplexe System der Mehrwertsteuer sieht unter anderem für tierische Produkte generell den verminderten Steuersatz von 7% vor, ökologisch und ethisch vorteilhaftere pflanzliche Produkte werden jedoch gleich hoch besteuert oder sogar schlechter gestellt.

Auf pflanzliche Milchalternativen wird der reguläre Steuersatz von 19% erhoben.

Union und FDP stehen Veränderungen in diesem Bereich ablehnend gegenüber.

SPD, Grüne und LINKE möchten zwar pflanzliche Milchalternativen steuerlich nicht schlechter stellen als Kuhmilch, halten aber eine Differenzierung der Mehrwertsteuersätze im Bereich der Lebensmittel generell für nicht zielführend.


Lebensmittel-Kennzeichnung

Mittlerweile unterstützen alle Parteien die Forderung nach einer rechtsverbindlichen Definition der Begriffe „vegan“ und „vegetarisch“. Die Parteien wurden auch gefragt, ob sie eine verpflichtende Kennzeichnung aller tierischen Stoffe befürworten, die bei der Produktion eines Lebensmittels verwendet wurden. Dadurch würde beispielsweise sofort erkennbar, ob ein Wein mit tierischer Gelatine behandelt wurde oder nicht, eine Information, die heute direkt beim herstellenden Unternehmen nachgefragt werden muss. Alle Parteien unterstützen die Forderung nach einer Pflichtkennzeichnung. Bezüglich der Frage, ob pflanzliche Fleisch- und Milchalternativen mit Begriffen wie „veganes Schnitzel“ und „Sojamilch“ benannt werden dürfen, ist die Stimmungslage gemischt, aber überwiegend unterstützend.


Die Grüne und LINKE fordern eine verbindliche Haltungskennzeichnung für alle tierischen Produkte, analog zur bereits existierenden Kennzeichnung bei Eiern. Die SPD fordert, dass Konsumierenden bei Fleisch, Milch und Eiern auch in verarbeiteter Form erkennen können müssten, wie diese Tiere gehalten wurden. Die Union setzt auf das Tierwohllabel, das jedoch auf Freiwilligkeit basiert.


Klimaschutz

Der Klimaschutzplan 2050 stellt die langfristige, nationale Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens dar. Entscheidende Maßnahmen, wie eine Reduzierung des Konsums tierischer Produkte und ein Abbau der Tierbestände, wurden leider aus dem Plan wieder gestrichen. Die Union argumentiert, dass die Tierhaltung in Deutschland umwelt- und ressourcenschonender produzieren könne als andere Weltregionen. Die FDP verweist auf möglicherweise gefährdete Arbeitsplätze. Die SPD spricht sich für eine flächengebundene Tierhaltung aus und sagt, dass das Produktions- und Konsumniveau unter Klimaschutzgesichtspunkten zu hoch ist. DIE LINKE will sich dafür einsetzen, bei der Ausgestaltung des Klimaschutzplans verstärkt die Agrar- und Ernährungswirtschaft in die Klimaschutzpflichten einzubinden. Die Grünen wollen neben der Tierhaltung allgemein auch den Import von Futtermitteln einschränken.



Pflanzliches Angebot in öffentlichen Kantinen

Es ist vor allem die junge Generation, die sich mit den ethischen und umweltpolitischen Folgen ihres Ernährungsverhaltens auseinandersetzt. Dabei spielt auch die Mittagsverpflegung an Schulen und in Kitas eine große Rolle, denn diese trägt maßgeblich zu den Ernährungsgewohnheiten und dadurch auch zur gesundheitlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bei. In Deutschland gibt es aktuell ca. 3 Millionen Schüler*innen, die das Mittagessensangebot an Schulen nutzen. Für ihre körperliche und geistige Entwicklung sowie für die Stärkung ihres Immunsystems, benötigen sie eine gute Versorgung mit allen wichtigen Nährstoffen. Daher wird Schulen und Kitas empfohlen, sich an den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zu orientieren. Demnach soll es beispielsweise an Schulen maximal 2 Fleischgerichte pro Woche geben. Doch den Speiseplänen stehen nach wie vor zu wenig Gemüse und zu viel Fleisch.


Jeder Schritt hin zu einer pflanzlichen Gemeinschaftsverpflegung ist mit vielen Vorteilen verbunden. Pflanzliche Gerichte mit viel Gemüse sind gut für das Wohlbefinden und fördern frühzeitig eine gesunde Lebensweise bei Kindern und Jugendlichen. Sie helfen, nachhaltiger mit unseren Ressourcen umzugehen, die Umwelt zu schonen und damit ein Leben in Würde für heutige und künftige Generationen zu ermöglichen. Leckere Gerichte anzubieten, die alle essen können, stärkt zudem das Gemeinschaftsgefühl und lässt niemanden außen vor.

Die Union setzt sich für ein Angebot vegetarischer Gerichte ein, will aber keine gesetzlichen Vorgaben machen. Die SPD spricht sich grundsätzlich für vegetarisch-vegane Angebote in der Gemeinschaftsverpflegung aus. Die LINKE kann sich sogar vorstellen, ein entsprechendes Angebot verpflichtend vorzusehen. Die Grünen sagen, dass veganes Essen zum alltäglichen Angebot in öffentlichen Kantinen gehören sollte.


Auch wenn pflanzliche Lebensweisen, Tierschutz, Ernährungs- und Agrarpolitik bei den meisten Parteien noch nicht den Stellenwert einnehmen, den sie verdienen, ist eine positive Veränderung erkennbar. Bewusstseinsänderung, gerade auch auf politischer Ebene, braucht Zeit und bedarf konstanter Arbeit.


Quellen: ProVeg, agrarheute, Albert-Schweizer-Stiftung


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